Kinder sollten möglichst früh gefördert werden
Referat von Dr. W. Stadelmann
am Schulkonvent vom 14. April 2005
An diesem Weiterbildungskonvent der gesamten Urdorfer Lehrerschaft waren nebst Schulpflegern auch zahlreiche Mitglieder von Elternräten zugegen. Sie alle lauschten im vollbesetzten Singsaal Moosmatt gespannt den Worten von Dr. W. Stadelmann zum Thema „Wie funktioniert Lernen?“. Der Referent ist Biochemiker, Psychologe und Pädagoge und zur Zeit zudem auch Direktor der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz.
Gleich zu Beginn betonte Dr. Stadelmann, dass Galileo Galileis Erkenntnis „Man kann einen Menschen nicht lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu tun“ auch nach modernsten Erkenntnissen Gültigkeit habe. Wir können keinem Kind den Lernprozess abnehmen. Wir können aber Anreize schaffen, dass in den Gehirnen der Kinder etwas passiert. Dabei spielen die Emotionen eine entscheidende Rolle. Hat ein Kind keine emotionale Beziehung zu dem, was es lernen soll, so kann es dies mit seinem Gehirn auch nicht verarbeiten. „Man lernt nichts kennen, als was man liebt“ hat schon Goethe erkannt.
Erbanlagen früh nutzen, sonst verkümmern sie
Zwischen der vererbten Augenfarbe etwa und dem vererbten Gehirn bestehe ein grosser Unterschied, führte Stadelmann weiter aus. Während die Augen ein Leben lang ihre Farbe behalten, trifft das auf das Gehirn nicht zu. Dieses und damit die Lernfähigkeit verändert sich mit dem Älterwerden dramatisch. Dabei ist es entscheidend, was der Mensch mit seiner vererbten Hirnstruktur macht. Selbst hervorragende Hirnmerkmale nützen wenig, wenn sie nicht von frühster Kindheit an stimuliert werden. Mozart wäre nie der geniale Musiker und Komponist geworden, wäre er nicht in äusserst anregender Umgebung aufgewachsen.
Die spätere Leistungsfähigkeit eines Menschen hängt also von der Förderung durch die Erziehenden ab. Das heisst nun aber nicht, dass die Eltern damit beginnen sollten, mit ihren Kindern Wissen zu büffeln. Wichtig ist, dass ein Kind harmonisch Gefühle entwickeln kann und bei Vorlieben Möglichkeiten erhält, diese zu fördern. Wie eine junge Pflanze, die bekanntlich eingeht, wenn man lieblos an ihr herumreisst, braucht es zur rechten Zeit die rechte Pflege.
Die Zeit der Frühförderung ist kurz
Unter den Forschern ist man sich nicht ganz einig, in welchen Altersjahren die Zeit der Frühförderung eines Kindes abgeschlossen ist. Die Pessimisten sind der Ansicht, dass anlagemässig verloren ist, was bis zum Alter von 6 bis 8 Jahren nicht stimuliert wird, während die Optimisten unter den Experten glauben, die Zeit der Frühförderung daure etwas länger.
Als gesichert gilt auf jeden Fall, dass bezüglich Frühförderung bereits vor dem Schuleintritt eines Kindes Entscheidendes geschieht.
Sprache ermöglicht Begriffsbildung.
Eindrücklich erläuterte Dr. W. Stadelmann in der Folge die Wichtigkeit der Sprache, denn mit der Sprache verbinden wir Begriffe.
Was wir mit den Sinnesorganen, egal ob Auge, Ohren, Nase, Gaumen oder Haut, aufnehmen, empfängt das Gehirn in Form von elektrischen Signalen. Diese Signale müssen die Kinder schon möglichst früh mit Begriffen verbinden können. Das ermöglicht ihnen den Zugang zur Welt. Je besser ein junger Mensch eine oder noch besser mehrere Sprachen beherrschen lernt, desto besser ist sein Zugang zur Welt.
Das Gehirn ist das bestvernetzte System
Nun erklärte Dr. W. Stadelmann, wie das Gehirn funktioniert. Es besitzt rund 1012 (eine 1 mit 12 Nullen) Nervenzellen, die durch 1016 Verbindungen dreidimensional miteinander vernetzt sind. Damit ist das Gehirn das bestvernetzte System, das uns heute bekannt ist.
Dieses wunderbare, komplexe System nützt uns freilich nichts, wenn wir es nicht aktivieren. Es gilt also, möglichst viele dieser Nervenzellen und Verbindungen zu stimulieren und damit nutzbar zu machen. Das geschieht durch Lernen. Jeder erfolgreiche Lernprozess verändert das Gehirn. Das hat zur Folge, dass es auf der ganzen Welt keine zwei Gehirne gibt, die gleich sind und somit gleich funktionieren. Aus diesem Grunde ist es beispielsweise auch nicht möglich, homogene Klassen zu bilden.
Vielseitige Tätigkeiten fördern die Hirnentwicklung
Am besten entwickelt sich das Gehirn durch vielseitiges Lernen, d. h. wenn der Lernprozess über verschiedene Sinne erfolgt, z.B. durch Sehen, Hören und Berühren. Weil jedes Kind auf eine andere Weise am besten lernt, ist die Methodenvielfalt in der Schule sehr wichtig. Dabei ist jede Methode gut, die innere Aktivitäten auslöst. Dazu gehört auch der lange Zeit verpönte Frontalunterricht. Schlecht ist es laut Stadelmann hingegen, wenn während Wochen ausschliesslich mit der gleichen Methode unterrichtet wird, da immer ein Teil der Kinder auf eine Methode weniger anspricht.
Kinder, die viel lernen, bauen viele aktive Vernetzungen im Gehirn auf. Sie verfügen so gewissermassen über die besseren Datenautobahnen im Gehirn. Werden diese aber vernachlässigt, also nicht ständig trainiert, so verfallen sie wieder, ein Vorgang, den wir gemeinhin als Vergessen bezeichnen.
Formbarkeit des Gehirns im Kindesalter am höchsten
Für die Hirnforscher ist es eine Tatsache: Die Formbarkeit oder Plastizität des Gehirns ist im frühsten Kindesalter phänomenal gut und nimmt gegen die Pubertät hin deutlich ab. Mit anderen Worten: Die Vernetzung der Hirnzellen erfolgt praktisch ausschliesslich in der Kindheit. Nach der Pubertät werden im Gehirn kaum mehr neue Verbindungen hergestellt. Deshalb sollten gemäss Stadelmann Fremdsprachen möglichst früh gelernt werden.
Chance der Erwachsenen: Feinpolitur
Erwachsene können also keine neuen Vernetzungen mehr aufbauen. Was sie hingegen sehr wohl können: auf der Basis des bereits Etablierten die Feinpolitur vornehmen, wie es der Psychologe Wolf Singer ausdrückte. Erwachsene sollten also versuchen, die im Kindesalter erworbenen Vernetzungen im Gehirn möglichst intensiv zu nutzen. Mit viel Stimulation könnten laut Stadelmann die schlimmen Auswirkungen von Krankheiten wie Alzheimer um Jahre hinausgeschoben werden. Sein Rat an älter werdende Erwachsene: ständig aktiv sein (auch körperlich), das soziale Netz pflegen, viel diskutieren, ein Instrument spielen und viel, viel lesen.
Folgerungen
Zum Abschluss seines Referats fasste Dr. W. Stadelmann nochmals die wichtigsten Schlüsse aus den dargelegten Erkenntnissen zusammen.
Sehr hilfreich für die Entwicklung des Gehirns ist dessen möglichst frühe Förderung.
Besonders viele Hirnverbindungen werden dann hergestellt, wenn das Kind stimulierende Aktivitäten ausüben kann wie
· Sprachen lernen
· sich vielseitig bewegen
>(Tanz gilt als hervorragende Schulungsmöglichkeit),
· ein Musikinstrument lernen
· Malen, Zeichnen, Gestalten
· soziale Kompetenzen entwickeln
Toni Blaser